Die Nachtschicht

Der Wecker schallt laut durch den Raum und eine elektronische Stimme stößt ein fröhliches „Guten Morgen“ aus. „Sie sollten aufstehen, heute hat Dr. Martin Dienst und er wird nicht erfreut darüber sein, wenn du schon wieder zu spät kommst, Melvin.“ Eine kurze Pause. „Melvin! Melv…“, setzt der Wecker nach, bevor Melvin ihn blind ausschaltet. In Zeitlupe öffnet er seine Augen und blickt den rotleuchtenden Strichen auf der Anzeige, die sich zur Uhrzeit zusammensetzen lassen, entgegen. Es dauert einen Moment, bis er die Zahlen erkennen kann. „22:30. Scheiße“, flucht er. „Schon wieder habe ich vergessen den Wecker umzustellen.“

Mit einem Satz springt er aus dem Bett, fegt dabei die Decke auf den Boden und sucht hektisch nach seiner Hose. Als er sie gefunden hat, zieht er im Gehen ein Bein nach dem anderen hindurch, wirft sich den Pullover, der auf dem Stuhl in der Ecke hängt, über, springt barfuß in die Nikes und läuft aus dem Zimmer. Für Kaffee oder einen Snack vor der Nachtschicht ist keine Zeit mehr. Er schnappt sich einen Apfel aus der Obstschale und parkt ihn im Mund, da er eine Hand braucht, um die Tür hinter sich zuzuziehen, denn in der anderen balanciert er seinen Schlüssel und sein Handy auf dem Portemonnaie.

Als Melvin am Krankenhaus ankommt, erntet er einen verachtenden Blick von einem Patienten, der seinen Rollator über den Gehweg schiebt und dabei seine Gute-Nacht-Zigarette im Mundwinkel auf und ab wippt. Die dunkle Wolke hinter seinem alten Ford erweckt überall Aufsehen. Mit seinem Nebenjob als Krankenpfleger hat er halt nicht die Möglichkeit sich eines der neuen umweltfreundlichen Autos zu kaufen, mit denen die ganzen Neureichen über die Straßen brettern. Diese aerodynamischen, silbernen Gefährte, die den Eindruck erwecken, dass sie eher einen Rosenduft, als Abgase hinterlassen könnten, kann er gar nicht ab. Und auch wenn sein Vater schon immer fasziniert von den neusten Modellen war und Melvin mit allen Mitteln dafür begeistern wollte, hat Melvin nie Euphorie für Autos entwickeln können. Doch jetzt hat er keine Zeit sich über die Autos und seinen Vater aufzuregen, denn in zwei Minuten beginnt seine Schicht. Fast rennt er gegen die Schiebetür, die sich seiner Meinung nach viel zu langsam öffnet. Hastig eilt er in die Umkleide und kommt in seinem hellgrünen Pflegerhemd kurz darauf wieder auf den Gang zurück.

„Ich muss hoch. Könnt ihr mich kurz vorlassen?“, bittet er zwei Damen, die sich vor dem Aufzug auf einer anderen Sprache unterhalten, wie Melvin feststellt. Ohne ihr Gespräch zu unterbrechen, treten die Damen einen Schritt zur Seite und Melvin gleitet zwischen den Wäschewagen hindurch in den Aufzug, der gerade seine Türen öffnet.

Ein Kling kurz darauf zeigt ihm, dass er da ist. Fünfter Stock. Drei Minuten nach Beginn seiner Schicht betritt Melvin das Büro der Pfleger auf seiner Etage. Dr. Martin sitzt auf einem Stuhl und guckt durch die runden Gläser der uralten Brille auf den flimmernden Monitor.

„Ach, Herr Okoye, konnten Sie sich doch dazu durchringen Ihre Nachtschicht anzutreten?“, begrüßt er Melvin neckisch.

Irgendwie wirkt er heute ausgelassener und gar nicht so gereizt, wie sonst immer.

Als Melvin ihm keine Antwort gibt, dreht Dr. Martin sich um und trägt ein breites Lächeln auf seinen schmalen Lippen. Sie sind Melvin zuvor noch gar nicht aufgefallen. Wahrscheinlich gab es auch nie einen Grund sie anzugucken, da sie ohnehin vorher noch nie ein Lächeln gezeigt haben.

„Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich habe etwas zu lange geschlafen.“

Dr. Martin steht auf und geht auf Melvin zu.

„Sie sehen auch noch ganz verschlafen aus. Holen Sie sich einen Kaffee. Dann möchte ich Ihnen etwas zeigen.“

Irritiert von der guten Laune des Doktors schenkt Melvin sich im Nebenzimmer einen Kaffee ein und kehrt in das Büro zurück.

„Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag und auf der Station ist nicht allzu viel los, das haben Sie wohl gewusst, oder weshalb sind sie zu spät gekommen?“

Dieses Mal wird sein Satz von einem Lachen begleitet, was wahrscheinlich noch nie jemand auf dieser Station gehört hat. Fast schon schallend hallt es durch den Raum. Dr. Martin zieht einen zweiten Stuhl zu sich an den Computer und klopft auffordernd auf die Sitzfläche. Dann schaut er wieder auf den dicken Kasten.

Das Krankenhaus könnte mal Geld für neue Technik in die Hand nehmen und die alten Kisten gegen Flachbildschirme austauschen. Das ist heutzutage nun wirklich kein Hexenwerk.

„Was gibt es denn, Doktor?“

„Schauen Sie mal! Ist das nicht großartig? Ich habe so lange daran gearbeitet und Sie sind derjenige, dem ich es als erstes zeige. Sie sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort, würde ich sagen.“

Zufrieden grinst Martin und lässt dann den Zeiger über den Desktop wandern. Der Computer reagiert schneller, als Melvin es in Erinnerung hatte.

„Das hier ist meine Webseite. Eco2020. Der Name ist noch nicht perfekt, aber er beinhaltet das Ziel und den Startpunkt unserer Reise. Es funktioniert so: Jeder Nutzer hat einen Log-In mit dem er seine Werte tracken kann. Er gibt ein, wie viele Kilometer er mit welchem Verkehrsmittel zurücklegt, wie oft er sich neue Produkte kauft, wieviel Plastik er verbraucht, wenn er Waren im Supermarkt kauft. Kurz gesagt gibt er alles an, was er macht. Am Ende des Monats bekommt er dann einen Konsum-Fußabdruck, ähnlich wie beim ökologischen Fußabdruck, und wir messen, auf wie viel er verzichten muss, damit der Klimawandel nicht so stark voranschreitet. Das Ganze soll viel komplexer sein, als es bisher errechnet wurde. Wir möchten die Nutzer damit motivieren, dass die Generationen nach unseren Kindern auch noch ein Leben auf unserer Erde haben sollen. Es muss was passieren, damit sie nicht in unserem Müll schwimmen müssen und die Möglichkeit haben, die Regenwälder bestaunen zu können. Ich und ein Freund möchten noch schneller dort eingreifen, wo das Problem des Klimawandels liegt – bei jedem einzelnen Menschen. Was bringt es uns, wenn Staaten sagen sie wollen den CO2-Ausstoß verringern, aber die Menschen nicht überzeugt sind, die in dem Land wohnen – Nichts!“

„Wow, das ist super! Wenn man das Ganze dann über Instagram verbreitet, werden bald alle Leute mitmachen“, reagiert Melvin in einer Atempause des Doktors.

„Das ist der nächste Punkt. Wir wollen gegen die Mediensucht angehen. Durch die ganzen Smartphones werden so viele Rohstoffe verschwendet und wir tragen Metalle in unseren Hosentaschen, die weder uns noch der Umwelt guttun. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist, dass du im Monat nicht länger als eine Stunde brauchen darfst, um alles zu tracken. Wir sollten uns stattdessen auf die Umwelt, das Wohl der Freunde, unsere Familie und auf uns selber konzentrieren.“

„Ich bin beeindruckt, Doktor. Aber wieso zeigen Sie mir das? Doch nicht nur, weil ich zu meiner Nachtschicht gekommen bin.“

„Herr Okoye, Sie sind doch ein Digital Native…“ Er lacht. „…Sie können beurteilen, ob es funktioniert. Auch wenn wir Spaß am Austüfteln haben, wissen wir nicht, ob es von den Leuten angenommen und umgesetzt wird.“

„Man muss die Leute richtig motivieren, aber ich kann mir schon vorstellen, dass es klappt“, grinst Melvin ihn an.

„Oh, es ist schon reichlich spät. Ich wollte mir noch einen Film anschauen, bevor ich mich hinlege. Denken Sie mal drüber nach. Morgen Abend erzählen Sie mir, wie Sie Eco2020 umsetzen würden.“

Kurz darauf ist es still im Raum. Der Strand, der den Desktophintergrund ziert, flimmert vor sich hin und Melvin sitzt am Counter vor dem Fenster zum Gang, stützt seinen Kopf auf den Ellbogen und denkt nach. Er merkt nicht, dass die Tür zum Flur wieder geöffnet wird. Erst als Dr. Ernst Martin direkt vor der Glasscheibe steht, schreckt er hoch.

„Ach, was ich noch vergessen habe. In Zimmer 21 liegt ein älterer Herr. Er hat Magenprobleme und wurde operiert. Lesen Sie mal seine Akte. Meistens braucht er Schmerzmittel, damit er schlafen kann. Geben Sie sie ihm, sonst hängt er die ganze Nacht am Smartphone, um sich abzulenken.“

Bevor Melvin antworten kann, klappt schon wieder die Tür zum Flur. Die Atmosphäre ähnelt der eines Friedhofs. Die Lichter im Gang sind auf die niedrigste Dimmstufe gestellt, es ist kein Geräusch zu hören und Melvin sitzt mitten in dieser Stille. Wieder verloren in Gedanken bemerkt er erst Sekunden, nachdem das Feld auf dem Touchscreen vor ihm rot aufblinkt, dass er gebraucht wird. Er tippt auf die große 21 und liest die Nachricht. „Ich hätte gerne Schmerzmittelpulver“ steht dort unmissverständlich geschrieben. Melvin seufzt.

Nicht einmal eine halbe Stunde hier und schon etwas zu tun.

Was, wenn man das ganze Projekt noch einfacher machen würde und Zugriff auf das Smartphone der Benutzer bekommt, denkt er, als er das Granulat aus der großen Box in ein Döschen füllt.

Mit einem leisen Klopfen macht er sich kurz darauf an Zimmer 21 bemerkbar. Obwohl niemand auf sein Klopfen reagiert, öffnet er die Tür. Ein kleiner Lichtkegel erhellt das Gesicht des Mannes, der in dem Krankenbett liegt, und spiegelt sich in den Gläsern seiner Brille. Er zeigt keine Reaktion, als Melvin das Licht anschaltet und auf ihn zugeht.

„Guten Abend. Ich bringe Ihnen ihre Schmerzmittel, Herr Degen.“

„Können Sie da abstellen, Danke“, antwortet dieser ohne Melvin dabei eines Blickes zu würdigen.

„Ich möchte nicht unhöflich sein, aber ich muss quittieren, dass sie es wirklich eingenommen haben und würde sie deshalb bitten es jetzt zu nehmen.“

Genervt legt der Mann sein Smartphone auf das Bett, richtet sich mit einem Stöhnen auf und will gerade das Pulver in seinen Mund kippen, da hält er mit dem Becher in der Hand inne.

„Sagen Sie mal, das ist ja viel zu viel! Wollen Sie mich etwa umbringen?“

„Oh, entschuldigen Sie. Das war mein Fehler, ich werde es direkt neu abfüllen“, entschuldigt Melvin sich und streckt seine Hand aus, um das Döschen entgegenzunehmen.

„Letzte Nacht diese Lautstärke und heute wollen Sie mich in diesem unorganisierten Steuerschlucker umbringen? Ich will Ihren Chef sprechen, jetzt!“

Wütend stellt Herr Degen das Döschen auf den Tisch neben seinem Bett und starrt Melvin erwartend an.

„Das tut mir wirklich leid, aber ich bin der Einzige, der heute Nachtschicht hat. Wenn Sie möchten, dann können sie meinem Vorgesetzten morgen berichten, was passiert ist. Aber es war wirklich keine Absicht!“

„Nein, ich möchte ihn jetzt sprechen. Rufen Sie ihn an oder fahren sie zu ihm nach Hause und holen ihn her. Mir ist es egal, ich will ihn jetzt sprechen!“

Melvin erkennt, dass die Situation aussichtslos ist und holt die Nummer von Dr. Martin. Mehr als deutlich presst Herr Degen seine Finger auf den Touchscreen seines Smartphones und drückt es sich genervt gegen das Ohr. Ausführlich berichtet er Dr. Martin, der, wie Melvin sich vorstellt, mit Unterhemd und Bier auf einem Sessel sitzt und einen Actionfilm guckt, überraschend das Gespräch annimmt. Herr Degen brüllt so beherzt ins Telefon, dass Speichel auf seine Bettdecke spritzt. Am anderen Ende der Leitung versucht Dr. Martin das Gespräch zu beruhigen. Auf einmal ändert sich die Stimmung von Herrn Degen.

„Ach, so ist das. Ok, ich verstehe Doktor. Aber wenn Sie sagen, dass man sich auf ihn verlassen kann, dann ist gut. Ja ok. Interessant! Nein, wirklich alles in Ordnung.“

Melvin zieht ungläubig die Augenbrauen zusammen. Mit besänftigter Miene legt Herr Degen sein Smartphone neben das Döschen und guckt Melvin einen Augenblick wortlos an.

„Ok Junge, ich verstehe weshalb sie abgelenkt waren. Das geht trotzdem so nicht, sie müssen sich ein bisschen konzentrieren, wenn sie mit Patienten arbeiten.“

Er nimmt seine Brille ab und streicht sich mit beiden Händen durchs Gesicht.

„Ihr Chef hat mir erzählt, warum Sie in Gedanken versunken waren. Sie arbeiten zusammen mit ihm an einem Tracker für den Alltag. Das finde ich gut! Wird es dafür dann auch eine App geben? Ich hätte sie gerne. Ich liebe es, alle neuen Apps auszuprobieren!“, fährt er fort.

Verwundert blickt Melvin ihn an. Er kann es gar nicht fassen, was für ein Glück er heute Nacht hat. Erst das Verschlafen, dann die Überdosis und jetzt boxt Dr. Martin ihn aus allem raus.

„Danke, das freut mich. Eine App gibt es noch nicht, aber das ist eine gute Idee! Ich mache Ihnen mal eine neue Dosis fertig und bin sofort zurück.“

„Lassen Sie nur. Die Aufregung hat mich platt gemacht. Ich glaube ich bin so müde, dass ich einschlafen kann“, lacht Herr Degen. „Ich wünsche Ihnen eine ruhige Schicht und bis morgen!“

„Bis morgen“, verabschiedet sich Melvin, schließt die Tür und sitzt kurze Zeit später wieder im Büro.

Eine App, das wäre es! Ich muss es Dr. Martin erzählen.

Er guckt auf die Uhr. 23:47 Uhr. Dann nimmt er das Telefon und tippt ein paar Zahlen ein. Ein sichtlich müder Mann nimmt das Gespräch entgegen und ein „Ja“ wird durch den Hörer genuschelt.

„Dr. Martin, ich bin es Melvin. Wir brauchen eine App. Wenn Sie eine App haben, kann sich das Smartphone mit dem Programm verbinden und alle Informationen auch an den Account, den man von der Webseite aus aufrufen kann, übertragen.“

Der Doktor antwortet mit einem Gähnen.

„Ich könnte Sie vierteilen dafür, dass Sie mich so spät noch anrufen. Ich bin gerade bei Kill Bill eingeschlafen. Aber die Idee ist fabelhaft, das sollten wir machen! Lassen Sie mir nun etwas Schlaf, ich muss morgen schon um 10 Uhr wieder im Krankenhaus sein. Wir besprechen das später. Und über das mit dem Schmerzpulver reden wir auch noch.“

„Ok, Doktor. Schlafen Sie gut.“

Dann tönt nur noch das Piepen der leeren Leitung aus dem Hörer.

Zwei Wochen später

Die Sonne scheint durch das große Fenster der Wohnung, in der Ernst Martin wohnt, und fällt direkt auf den Massivholztisch im Wohnzimmer, der mit vollgekritzelten Zetteln übersät ist.

„Herr Okoye, Danke für ihre Hilfe. Wir haben nun alles fertig entwickelt und können Eco2020 bald starten. Sie bekommen auf ewig einen kostenlosen Account bei uns und sollen unser erster Nutzer sein! Wir sehen uns im Krankenhaus, wenn ich nächste Woche meine letzte Schicht habe. Bis dann.“

Der Doktor legt den Hörer auf und widmet sich wieder seinem Computer, der zwischen einigen Akten steht. Er war noch nie ein Fan vom Aufräumen, aber jetzt, da sein Projekt bald startet und er auf die Antwort des Investors wartet, hat er noch weniger Kopf dafür. Genau in diesem Augenblick blinkt eine Mitteilung auf seinem Bildschirm auf.

„Sehr geehrter Herr Doktor Martin, Ihre Idee ist zeitgemäß und wir werden sehr gerne mit Ihnen daran arbeiten, aber wir sehen ein Problem beim Thema Datenschutz, wenn Eco2020 auf sämtliche Informationen zugreifen kann. Gerne laden wir Sie ein, sich mit uns auszutauschen“, liest ihm seine persönliche Assistentin die Nachricht vor.

„Fuck. Dieser verdammte Datenschutz. Das kostet mich mindestens einen Monat, wenn nicht sogar ein Jahr!“

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