Am Weiher

Der frühe Sommer zeigt sich in den Baumwipfeln der Weiden, die langsam anfangen durch ihre sprießenden Blätter wieder an Farbe zu gewinnen. Ihre ausladenden Äste reichen fast bis auf die Wasseroberfläche des alten Weihers, der schon Jahrzehnte hier in der Mitte der Großstadt die Menschen zu einem Kurzurlaub einlädt. Trotzdem ist es kühl an diesem Tag.

Laurenz kommt immer hierher, wenn er nachdenken muss oder ihm der Alltag über den Kopf wächst – so auch heute. Das Leben durchkreuzt wieder einmal seine Pläne und er fühlt sich entkräftet. Keineswegs geht er an diesen Ort, um sich über die Probleme auszulassen oder sich in Verzweiflung zu stürzen. Eher berät er mit sich selbst die nächsten Schritte.

Ein strammer Windstoß fegt die Äste der Bäume über die Büsche am Uferrand, während Laurenz sich auf eine alte Holzbank setzt, um den Enten beim Umherschwimmen zuzusehen. Eine junge Frau marschiert in seine Richtung. Obwohl er es sich nicht eingestehen will, bringt sie ihn, wie es noch niemand an diesem Ort bisher geschafft hat, aus dem Nachdenken. Ihre Ausstrahlung zieht ihn an, und das, obwohl sie, seinem bisherigen Geschmack nach, nicht das Cover der Vogue hätte zieren können. 

Der beige Mantel und das schulterlange, blonde Haar beeindrucken Laurenz. Die Sohlen ihrer schwarzen, kniehohen Stiefel knirschen auf dem Kies des Gehwegs. Sie scheint, ihrem Tempo nach zu urteilen, ein klares Ziel vor Augen zu haben. 

Ob dies auch auf ihren Lebensweg zutrifft?, denkt Laurenz.

Als sie an ihm vorbeigeht, kann er ihre Gesichtszüge noch besser erkennen. Der angestrengte Blick deutet auf Konzentration hin. Sie hat Kopfhörer im Ohr. 

Was hört sie wohl? Worüber denkt sie nach?

Ein süßlicher Duft bleibt ihm in der Nase hängen. Benebelt starrt er aufs Wasser und wartet einen Moment, bevor er den Kopf dreht und ihr hinterher blickt.

Mit ihrem eleganten Gang weicht sie zwei kleinen Kindern aus, die mit ihrem Laufrad quer über den Gehweg fahren. Für einen Moment dreht sie ihren Kopf zur Seite, um den beiden nachzugucken. Ein Lächeln schnellt über ihre Lippen. Es trifft ihn direkt ins Herz. Dann verschwindet sie hinter einem Busch.

Er wendet seinen Blick wieder zurück auf den Weiher und versucht den letzten Gedanken wiederzufinden. Doch es gelingt ihm nicht.

Worüber habe ich gerade nachgedacht, als sie aufgetaucht ist?

Geistesabwesend stemmt er sich von der Bank auf und schlendert in die Richtung, aus der die blonde Frau gekommen ist. Über seinen letzten Gedanken grübelnd, läuft er fast gegen eines der beiden Kinder, die nun mit ihrem Laufrad auf dem Gehweg spielen. Laut plappern sie vor sich hin. Er muss lächeln.

Langsam schlendert er weiter um den kleinen Weiher. Der Geruch von Moos und Schlamm erobert seine Sinne. Enten schnattern, ähnlich wie die kleinen Kinder auf dem Gehweg. Ein junges Paar diskutiert angeregt auf einer der Parkbänke und küsst sich dann plötzlich. Laurenz‘ Lächeln hält ein paar Minuten an. Seine Gedanken sind immer noch bei dem süßen Duft und dem Gesicht, was beim Lächeln kleine Grübchen gezeigt hat.

Immer, wenn er wegen eines Problems hier ist und dieses lösen kann, macht er ein Foto vom Weiher. Er wühlt in der Hosentasche auf der Suche nach seinem Handy. Plötzlich wird sein Körper erschüttert und ein Mann steht vor ihm. Das gerade gefundene Handy landet im Kies.

„Passen Sie doch auf!“, faucht der Mann.

„Entschuldigen Sie. Das war keine Absicht“, murmelt Laurenz zurück.

Gerade will er sich von dem Mann abwenden, um sein Handy aufzuheben, als er den süßlichen Duft wieder wahrnimmt. Breit grinsend hält ihm die blonde Frau das Handy entgegen. Verlegen lächelt er. Bevor er ein „Dankeschön“ herausbekommt, fängt sie an zu reden. Erst jetzt bemerkt er, dass sie gar keine Musik hört. Sie telefoniert mit jemandem.

„Ich bin wieder da, Schatz. Da ist nur jemandem das Handy runtergefallen. Erzähl weiter“, sagt sie.

Wie versteinert, bleibt er mitten auf dem Kies stehen. In ihm zieht sich alles zusammen, doch nach wenigen Sekunden entspannt er sich wieder. Er schießt ein Foto vom Weiher und geht mit einem Lächeln auf den Lippen nach Hause.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.