Was wirklich zählt

Vor einigen Jahren war ich in Kanada unterwegs. Ich erzähle gerne und oft über diese Zeit. Doch wenn ich zurückdenke, erinnere ich mich von Jahr zu Jahr an weniger. Ein Freund erzählte mir letztens, dass seine Freundin in einem Streit sagte, dass sie sich häufig nur an die schlechten Momente erinnern würde, woraufhin er unfassbar verletzt war. Wenn ich das über Kanada sagen würde, wäre das Land wahrscheinlich auch verletzt. Wobei es vielleicht auch so einen großen Stolz hat, dass es ihm egal wäre. Spaß beiseite. Darüber ernsthaft nachzudenken wäre allerdings hinfällig, wenn ich dir erzähle, dass ich mich weder an das Gute noch an das Schlechte erinnere. Ich erinnere mich – wie so oft – an das Belanglose, unwichtige Kleinigkeiten.

Da ich damals die meiste Zeit in einem Hotel verbrachte und Teller wusch, erinnere ich mich genau an die Brause, mit der ich manchmal das Geschirr abspülte. Vom Fett bedeckt, schmierig und nach allen möglichen Gerüchen stinkend, hing der fixierte Schlauch, der dem einer Dusche glich, vom oberen Teil der Wand herab und baumelte jedes Mal, wenn man ihn kurz losließ, wild umher. Die Taste, die dem Gaspedal eines Motorrads glich, aus hartem, schwarzem Plastik gefertigt, musste schon damals viele Teller gesäubert und für die Spülmaschine vorbereitet haben. Doch manchmal in den Spätschichten, wusste ich, dass mir die Ehre nicht zuteil kommen würde, dort vorne vor mich hinzuwaschen. Larry, ein kleiner, alter, zerbrechlicher Kanadier hatte oft die Spätschicht zusammen mit zwei von uns Backpackern und beanspruchte die Brause immer für sich. Da er wirklich sehr fragil wirkte, konnten wir ihm den Wunsch nie abschlagen, dort vorne vorzuspülen. So wechselte ich eines Tages in die Frühschicht, um wieder die Pfannen und Töpfe abbrausen zu können. Noch heute vermisse ich das „Hey guys, whats up?“ vom alten Larry. Was er wohl jetzt macht?

Im Frühdienst, der auch das Spülen der Teller vom Mittagessen beinhaltete, gab es viel Abwechslung. Neben den normalen Tellern spülten wir Pfannen, die Egg Benedict gesehen hatten, wabbelige Metallbehälter, in denen die Pancakes warmgehalten wurden und die festen Einlagen aus Metall, in denen das Frühstücksfleisch für die Gäste angerichtet wurde. Frühstücksfleisch. Was für ein seltsames Wort, dachte ich damals schon. Woran ich mich am detailliertesten erinnere, ist der Rückstand, der blieb, wenn die Fleischstücke sich auf ewig voneinander getrennt und ihren Platz auf den Tellern der Gäste gefunden hatten. Das Fett war schon hart geworden und kaum mehr abzuwaschen. Die Brause musste nahe an die klebrige Substanz herangehalten werden und wenn man nicht aufpasste, hatte man das Gesicht voll mit Frühstücksfleischfett. Wenn nicht viel los war, malten wir mit den in Handschuhe gehüllten Fingern drin herum. Eklig. Ich weiß noch, wie ich dort mit einem meiner besten Freunde stand und wir uns lange und oft über Fußball unterhielten. Er ist immer noch einer meiner besten Freunde, auch hier in Deutschland. Auch wenn wir uns vor ein paar Tagen geschrieben haben, frage ich mich, was er wohl gerade macht?

Noch eine viel kleinere, scheinbar irrelevantere Sache, an die sich meine Hände erinnern, ist der Knauf der Zimmertür im Mitarbeiterwohnhaus des Hotels. Der runde aus Metall gefertigte Knauf, war nigelnagelneu. Das Haus wurde kurz vor meinem Einzug fertiggestellt und ich erinnere mich daran, wie ich den Schlüssel in das Schloss drückte, es einen kurzen Widerstand gab und ich ihn dann umdrehen konnte. Ich habe vorher nie ein solches Türschloss gesehen. Der Knauf wirkte für mich eher wie für eine Badezimmertür bestimmt und nicht wie für eine abschließbare Außentür, zu der jeder Zugang hatte. Die Gänge endeten im Freien, was das Haus sehr zugig machte. Eines betrunkenen Abends, als ich recht frisch eingezogen war, kam ich von einer der Partys, die meistens im spärlich eingerichteten Wohnzimmer im Erdgeschoss des einstöckigen Hauses stattfanden, wieder und stieß mich mit so ungeheurer Wucht an dem dummen Knauf, dass ich laut aufschrie und sich gegenüber von mir eine Tür öffnete. Das war der Moment, als ich davon erfuhr, dass Hailey wohl mit Max etwas haben musste. Denn in diesem Augenblick linsten ihre braunen Rehaugen aus der Dunkelheit. Ich gab ihr zu verstehen, dass mit mir alles in Ordnung sei und fragte mich am nächsten Morgen, wieso sie ihre Liaison so unbewusst und leichtsinnig preisgab. Ich erklärte mir ihr Handeln dann mit ihrem guten Herzen, das sie dazu aufgefordert haben musste, zu gucken ob auf dem Gang alles stimmte. Ich freute mich für die Beiden. Was sie wohl gerade machen?

Einige Zeit später, die meisten hatten schon von Hailey und Max erfahren, besuchte ich einen anderen Freund auf seinem Zimmer. Er wohnte auf der anderen Seite des Hauses, also war es kein weiter Weg. Sein Zimmer war wundervoll. Es hatte zwei große Fenster, von denen man direkt in die Natur schauen konnte. Ich erinnere mich an die Kanadadecke, die er damals auf seinem Bett liegen hatte. Sie war schwarz, etwas zu klein, um den gesamten Körper zu bedecken, und hatte einen Bären aufgestickt. Darunter befand sich ein Schriftzug zu den olympischen Spielen in Vancouver und Whistler. Sie faszinierte mich, weshalb ich ihn fragte woher er sie hatte. Einen Tag später fuhren wir dann schon zu dem Kaufhaus, wo er sie fand. Ich kaufte eine. Nun liegt sie hinter mir auf dem Bett – genau wie damals bei ihm. Ich weiß noch, wie wir nach dem Kauf Essen gingen und uns angeregt unterhielten. Wir waren sogar in unserem Lieblingsrestaurant und aßen den Burger mit Lachs, der sich auf der Karte besser las, als er letztendlich schmeckte. Trotzdem fielen wir mehrmals darauf rein. Ob dort alles immer noch so ist wie früher?

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