Ankommen

Einfach nur weg, denke ich, als ich die Tür schließe, durch den langen Flur laufe und die Treppen hinunter sprinte. Ich trete auf die Straße und spüre sofort die Kälte, die sich mir um den Hals legt. Ich stelle den Kragen der Jacke auf und verschränke meine Arme vor der Brust. Es ist wenig los an diesem Abend. Lediglich ein paar Leute gehen den Bürgersteig entlang. Ein Auto fährt über die sonst leere Straße. Ich hasse sie, diese Zeit im Januar, wenn das neue Jahr schon begonnen hat, die warmen Tage aber noch so weit weg sind. Dazu kommt, dass ich mir so oft vornehme nach Weihnachten darauf zu achten, was ich esse. Das macht den Januar nicht entspannter. Oft ist der Zuckermangel und die Gier nach etwas Deftigem so groß, dass ich meinem Vorsatz nicht gerecht werde. So auch heute. Und es quält mich.

Erschöpft von dem Tag schlendere ich die dunklen Straßen entlang. Die kahlen Bäume strecken ihre fingerartigen Äste in die einsame Dunkelheit. Obwohl es erst kurz nach fünf ist, wirkt die Stadt, als hätte eine Pandemie die Menschen vertrieben…

Ich komme in den Teil der Straßen, wo ein paar Geschäfte den Asphalt mit ihren Schaufenstern beleuchten. Vor einem sitzt ein Mann auf einer Decke. Ich reiche ihm nickend ein paar Münzen, so wie damals in Italien. Nur reichte ich sie keinem Mann, der fröstelnd auf dem Boden saß, sondern zwei kleinen Mädchen, die ihr Eis am Hafen fallen gelassen hatten und es versuchten mit der bloßen Hand wieder in die verlorene Waffel zu hieven. Das Leuchten in ihren Augen schenkte mir damals eine Wärme, für die ich heute viel geben würde.

Mein Weg führt mich durch den kleinen Weiher-Park. Der Weiher, der dem guten Flecken Erde seinen Namen gibt, leuchtet im Mondlicht und wieder wundere ich mich über die Dunkelheit zu dieser Stunde. Ein paar Jugendliche hängen auf einer Bank ab und hören Hip Hop. Ihnen ist es wahrscheinlich auch zu doof gewesen, nur drinnen zu hocken. Ich muss lächeln. Vor ein paar Monaten habe ich mich genau so gefühlt. Damals hatte ich den Job noch nicht, der mich in dieser Anfangsphase so einnimmt und erschöpft. Ich hing nach meinem Studium monatelang Zuhause in der Wohnung. Eigentlich wollte ich nach Australien, aber das fiel wegen der Pandemie ins Wasser. Surfen und Sonnenstrahlen tauschte ich gegen Sofa und Heizung. Was für ein Abstieg. Ich habe die Ruhe, die ich mir so gewünscht hatte, nicht lange aushalten können. Daher setzte ich mich hin und suchte nach Arbeit. Schon paradox, wie ich damals die Arbeit vermisst habe, Freizeit hatte und jetzt wieder alles umgekehrt ist.

Meine Winterstiefel lösen sich schmatzend vom erdigen Boden, während ich an den Jugendlichen vorbeilaufe. Als ich auf den Ausgang des Parks zusteuere, fällt mir ein erleuchtetes Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite ins Auge. Das Haus sieht nobel aus. Weiß, mit Stuck verziert. Ich kann eine Designerlampe erkennen, die von der Decke baumelt. Auf dem Fensterbrett stehen ein paar Figuren. Engel, Weihnachtsmänner und ein Rentier. Weihnachten. Eine Hassliebe meinerseits. Wenn die Feiertage vor der Tür stehen, freue ich mich auf sie. Ich habe zwar immer das Gefühl, dass Heiligabend aus dem Nichts kommt, dennoch kann ich es genießen. Am Abend des 25. Dezember wünsche ich mir aber immer schon, dass das Fest so schnell verschwindet, wie es gekommen war. Ich kam mir früher immer vor wie eine Band auf Tournee. Von meinen Eltern ging es zu meinen einen Großeltern, dann zu den anderen. Am zweiten Weihnachtsfeiertag frühstücken mit der ganzen Familie und abends dann noch einmal zusammensitzen.

Es sind nur noch ein paar Meter bis zu der wärmenden Dusche, dem gemütlichen Bett und einer Portion Ruhe. Das Licht der Straßenlaternen weist mir den Weg. Ich biege noch einmal ab und stehe vor meiner Haustür. Schon immer habe ich diese gelbe Fassade geliebt, obwohl sie die hässlichste in der Straße ist. 70er-Jahre-Bau gegen Jugendstil. Da ist klar, wer gewinnt. Doch die Erinnerungen machen es zu etwas Besonderem.

Ich öffne die Haustür und Wärme umgibt mich sofort. Sie ist gepaart mit dem Geruch des Mülls, der wieder einmal vor der Wohnung im Erdgeschoss steht. Naserümpfend bahne ich mir den Weg an der Deponie vorbei und erklimme die Stufen zum ersten Stock. Unter meinen Schuhen quietscht das grau melierte Linoleum. Eines der sympathischsten Geräusche in diesem Haus. Während ich überlege, ob mir das Quietschen des Bodens oder das Anspringen der Warmwassertherme besser gefällt, wühle ich suchend mit meiner Hand in der Jackentasche herum. Da ist er. Ich ziehe den Schlüssel an seinem Anhänger heraus. Mit einem mechanischen Knacken dreht er sich im Schloss herum. Meine Wohnung ist dunkel. Nur rechts aus dem Wohnzimmer fällt etwas Licht auf die Wand im Flur. Von der Kälte ermüdet schließe ich die Tür hinter mir und atme tief durch. Endlich Zuhause. Jetzt eine Dusche und dann ab ins Bett. Nachdem ich meine Jacke abgelegt habe, mache ich mich auf den Weg ins Bad. Plötzlich ein Poltern. Dann ein Tuscheln. Davor ich es realisiere, geht das Licht an.

„Happy Birthday“, dröhnt es aus dem mit Luftschlangen und Ballons geschmückten Wohnzimmer, in dem meine komplette Familie und viele meiner besten Freunde stehen. Sie alle breiten ihr Arme präsentierend aus und warten auf meine Reaktion. Ich lächle schmal und umarme jeden herzlich. Denn obwohl Weihnachten und Silvester gerade hinter uns liegen, jedes Mal ein tolles Gefühl, meinen Geburtstag im Januar zu feiern.

Diese Kurzgeschichte war Teil eines Wettbewerbs, der im Januar 2022 stattfand.

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