Die dunkle Seite des Mondes von Martin Suter
Einstieg
Das Buch stand schon zwei Jahre im Regal und vergilbte, nachdem ich es von meinem Papa zu Weihnachten bekommen hatte. Ich fand den Titel ansprechend, er erinnerte mich an Zärtlich ist die Nacht von Fitzgerald. So weich und klangvoll, aber ich konnte mir unter dem Inhalt nichts vorstellen und daher wartete es lange zwischen den anderen Büchern auf mich.
Ich las das Buch in drei Tagen, um den Plot bis ins Detail verstehen und ihn gedanklich in seine Einzelteile zerlegen zu können. Das funktionierte – und nach dieser Dekonstruktion schien das Schreiben meiner eigenen Geschichten plötzlich viel einfacher.
In diesem Beitrag wird es Spoiler geben, die die Geschichte vorwegnehmen. Dennoch bleibt das Buch allein wegen der sprachlichen Feinheiten von Martin Suter lesenswert.
Der Auslöser
Kommen wir zum Inhalt. Am Anfang begegnen wir Urs Blank, einem Staranwalt für Firmenfusionen. Wir schnuppern in sein Leben und lernen den Ausgangspunkt der Geschichte kennen. Normalerweise folgt dann ein Ereignis oder mehrere Ereignisse, die den Helden aus seiner gewohnten Umgebung ziehen.
So auch hier in Form einer Fusion zweier Firmen und eines Waldspaziergangs, die Blank klarmachen, dass das, was er aus seinem Leben gemacht hat, nicht alles gewesen sein kann. Klingt banal, oder? Aber es funktioniert!
Dieser Auslöser führt dazu, dass Evelyn, die Frau, mit der Blank seine Freizeit verbringt, an ihm zu zweifeln beginnt. Er hat Erde an den Schuhen und wirkt verändert. Irgendwas ist anders als sonst.
Lucille
Außerdem lernt Blank eine Frau kennen, die genau das verkörpert, was er nicht ist. Lucille ist unabhängig, folgt dem, was sie liebt, und reist durch die Welt. Niemand diktiert ihr ihr Leben.
Durch sie rutscht Blank in eine neue Welt. Die Geschichte eskaliert durch ein Gespräch in Lucilles Küche, in dem sie übers Kiffen und das Nehmen von Pilzen reden. Gekifft hat Blank damals häufig, aber Pilze hat er noch nie genommen. Lucille fordert ihn heraus, der zweite Akt wird eingeleitet.
Blank erlebt einen schlechten Drogentrip und versucht später, dieses Erlebnis mit einem erneuten Trip umzukehren. Guter Gedanke, dumme Idee. Sein Wesen hat sich verändert und es bleibt so. Ob der Trip oder etwas anderes seinen inneren Wandel bewirkt hat, bleibt offen.
Vielleicht lässt sich das auch gar nicht voneinander trennen.
Der Absturz
Blank beginnt Menschen anzugreifen, tötet Lucilles Katze und ermordet schließlich ein paar irrelevante Nebenfiguren, ohne eine emotionale Regung. Seine Handlungen wirken zunächst aus der Luft gegriffen – wäre da nicht der Trip, der im Hinterkopf des Lesers schlummert und den Suter perfekt als Auslöser einsetzt. Er ist der Anker der Geschichte, der Grund für all das, wobei wir Blank beobachten.
Der Trip wird also zum inneren Treiber der Handlung. Er steuert Blank beinahe wie ein Parasit und lässt die Motive der Hauptfigur zunehmend verschwimmen. Der Leser weiß nicht, worauf die Geschichte hinaus will. Ein Happy End scheint weit weg, aber auch ein andere Ende ist im Nebel der Handlung nicht zu erahnbar.
Blank lernt alles über den Wald, wälzt Bücher über die Pilzsuche, das Jagen und Naturkunde. Bei der Recherche hat Suter ganze Arbeit geleistet. Neben den Beschreibungen der Trips wirkt das Namedropping von Pilzen und Substanzen fast wie ein Gespräch in einer Suchtklinik – einem Ort, an dem Blank vielleicht besser schon zu Beginn der Handlung hätte landen sollen.
Unser Protagonist inszeniert schließlich seinen Selbstmord, weil ein Teil von ihm weiß, dass er in der zivilisierten Welt seinen Status verloren hat und nicht mehr zurück kann. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass auch Demut eine Rolle spielt, wenn er sich in den Wald zurückzieht. Er schämt sich vor sich selbst, vor dem Ausbrechen aus seinem Leben, in dem er alles hatte, außer Freiheit.
Pius Ott
Eine weitere wichtige Figur ist Pius Ott, ein einflussreicher Unternehmer mit viel Geld und Verbindungen in Politik und Gesellschaft. Auch seiner Perspektive folgen wir. Besonders aufmerksam, nachdem Blank ihm ins Gesicht schlägt, weil Ott Blank Wein zu einem Pilz anbietet, der bei gleichzeitiger Einnahme mit Alkohol eine tödliche Wirkung entfaltet.
Die Erzählperspektive schwenkt öfter auf Ott, denn dieser will Blank zur Rechenschaft ziehen und jagt ihn durch die Wälder. Ein mittelstarkes Motiv, sehr affektiert. Aber vielleicht übersehe ich auch etwas, das Ott einen stärkeren Handlungsgrund gibt.
Der Kreis schließt sich
Als die Geschichte auf den Showdown zusteuert, kehrt Blank an den Ort zurück, an dem er seinen ersten, alles auslösenden Trip hatte, auf eine Lichtung im Wald, direkt an einer Lagune, wo eine kleine Sauna und ein Trip-Tipi steht. Er wiederholt das Ritual zum dritten Mal und der Leser hofft auf eine Auflösung, auf ein Ende des Kreislaufs, auf das Besinnen, die Abbitte und die Rückkehr in die Gesellschaft.

Dann wieder fragt man sich, ob Blank seinen eigenen Tod plant, weil er weiß, dass er zur Rechenschaft gezogen wird, sobald man ihn findet. Und er weiß, dass sie ihn suchen. Immer wieder steht er kurz davor, geschnappt zu werden, schubst einen anderen Pilzsammler von einer Klippe, tötet sogar einen Polizeihund und lenkt den Zorn des Hundehalters auf sich, der ihn neben Pius Ott nun ebenfalls sucht. Die Erzählperspektive des Polizisten der Hundeeinheit folgen wir ebenfalls.
Am Ende ist es natürlich Pius Ott, dem Blank im Wald begegnet. Blank hat die Möglichkeit, ihn zu töten, verzichtet jedoch darauf, lächelt – und lässt sich von Ott erschießen.
„Blank wurde eins mit dem Wald“, schreibt Suter.
Also wollte Blank genau darauf hinaus? Hat er erkannt, dass der Weg zurück in sein altes Leben endgültig versperrt ist?
Darauf gibt es keine eindeutige Antwort, denn kaum jemand kennt die dunkle Seite des Mondes, die Blank gesehen haben muss. Und genau das macht den Roman so interessant. Wir werden mit einem Interpretationsspielraum zurückgelassen und müssen den Raum, von dem wir nicht wissen, was in ihm ist, irgendwie füllen. Ein logischer Reflex der menschlichen Psyche.
Stil
Dass ich das Buch in nur drei Tagen gelesen habe, ist kein Zufall. Suter treibt die Handlung mit kurzen Kapiteln und zahlreichen Perspektivwechseln voran. Er führt Nebenfiguren mit eigener Perspektive ein, was handwerklich hervorragend gelöst ist, lässt sie wieder in der Menschenmasse verschwinden, wenn sie ihre Pflicht getan haben und schreibt das alles in kurzen, donnernden Sätzen. Weglegen unmöglich.
Aber besonders die Erzählperspektiven haben mich beeindruckt. Der Leser weiß immer genau, wer gerade redet, und hat allumfassende Sicht auf die Dinge, obwohl wir zwischen ca. fünfzehn Personen wechseln. Diese Technik gibt dem Roman nicht nur Spannung, sondern eine erzählerische Tiefe, die mit einer oder zwei Perspektiven gar nicht zu erreichen ist.
Fazit
Insgesamt ist es ein Roman, der mehr Tiefe besitzt, als er zunächst zeigt. Er ist hervorragend recherchiert und macht Spaß zu lesen. Wie von Suter gewohnt, fühlt man sich fachlich gut aufgehoben.
Nur das Ende hätte ich mir eindeutiger gewünscht, weil ich Blanks Motivation nicht mehr durchdringen konnte und das nicht meinem Geschmack entspricht. Auf der anderen Seite spielt das Ende mit dem Titel und lässt halt das, was wir nicht sehen, im Verborgenen.