Der Irrsinn einer herbstlichen Prärie-Kaltfront, näher kommend. Es war deutlich zu spüren: Etwas Furchtbares würde geschehen.
Das Zitat, gleichzeitig die ersten Sätze aus dem Buch, gehen uns einen Vorgeschmack. Es wird kalt, ungemütlich und der Winter bricht bald herein. Es ist das, was uns auf den folgenden 700 Seiten erwartet. Ein Netz aus Beziehungen in einer dysfunktionalen Familie, was als Begriff allein deshalb schon grotesk ist, weil es impliziert, dass es eine funktionale Familien gibt.
Familie Lambert windet sich im Netz der gesellschaftlichen Konventionen. Sie besteht aus dem Patriarchen Alfred und seiner Frau Enid sowie ihren drei Kindern Denise, Chip und Gary. Wir erleben in den Abschnitten des Buches, wie die drei Kinder ihr Leben führen und was sie antreibt, oder eben auch nicht.
Schnell wird klar, dass diese Familie eine Familie ist, deren Bestandteile sich in unser aller Familien wiederfinden lässt. Enid freut sich schon im Januar auf Weihnachten, ein letztes Weihnachten zu fünft in dem Haus, in dem ihre Kinder aufgewachsen sind und das sie sich schon seit neun Jahren wünscht. Gary hält seinen kleinen Bruder Chip für einen Nichtsnutz, weil dieser, gerade aus seinem Job als Dozent entlassen, weil er sich auf ein romantisches Wochenende mit einer seiner Studentinnen begeben und anschließend auf dieser Grundlage ein Drehbuch geschrieben hat, das er gerade versucht an den Mann zu bringen, sein Leben nicht auf die Reihe bekommt.
Und genau hier tauchen wir in Chips Geschichte ein, in ein Gespräch zwischen ihm und seiner Freundin Julia über den Prolog jenes Drehbuchs über die Ängste des Phallus in der Tudorzeit, in dem die perfekten Brüste der Heldin laut Julia eindeutig zu oft auftauchen. Sie hat aber sowieso keinen Bock mehr auf Gary und gibt ihm kurzerhand den Laufpass. Chip findet sich im weiteren Verlauf der Geschichte in Litauen wieder, wo er mit Julias Exmann, dem windigen Politiker Gitanas, amerikanische Investoren um ihr Geld betrügt.
Chip hat nie das Leben geführt, das Enid sich für ihn gewünscht hat. Und so auch Gary und Denise, die ebenfalls ihre Reibungspunkte haben. So lebt Enid in ihrem Luftschloss allein, versucht ihrem Selbstbild gerecht zu werden und kämpft mit oder gegen Alfred, wie man es auslegen möchte, der zunehmend verwirrt und ungelenk wird.
Letzterer verliert auf der obersten Erzählebene seine Autorität an das Älterwerden und wirkt gar nicht mehr so gefährlich wie in Binnenerzählungen, in denen er zum Beispiel seine Kinder am Tisch sitzen lässt, bis sie das Gemüse gegessen haben. Er wird inkontinent, kann sein linkes nicht mehr von seinem rechten Knie unterscheiden und muss seinerseits berichtigt, ja sogar korrigiert werden.
Doch am Ende ist es nicht nur Alfred, der einer Korrektur bedarf, es sind auch die anderen. Enid bringt keinen Funken Mitleid oder Verständnis auf, als Alfred schließlich im Krankenhaus ist, sondern besucht ihn, um ihm, der weder sie noch etwas anderes um sich herum wahrnimmt, täglich vorzuhalten, dass sie nun endlich die Chance bekommt, ihr Leben in andere Bahnen zu lenken.
Gary will, als er in St. Jude ist, nur noch nach Hause, weg von den ganzen Mittelwestlern, die er von Grund auf verachtet. Chip erkennt, dass er etwas tun muss, nimmt sich vor die Schulden an seine Schwester Denise zurückzahlen, doch diese erlässt sie ihm, eine kleine Diskussion entbrennt (eine der harmloseren) und am Ende steht Chip ohne die Möglichkeit einer Korrektur da, während Denise, die ihren Job in einem Spitzenrestaurant verliert, weil sie mit der Frau des Geldgebers und dem Geldgeber gleichzeitig ein Verhältnis anfängt, ihrerseits den Sinn des Lebens sucht.
So begegnen wir dem wahren Leben, diesen Strängen, die von allen Richtungen zu ziehen scheinen, und finden am Ende keinen Helden, aber auch keinen Bösewicht. Viel mehr finden wir die Erkenntnis, und hier wird es vielleicht zu philosophisch: Wir alle sind gut genug, aber nicht gut genug, um das zu begreifen.
Und so begreift auch Enid nicht, dass ihr Wunsch nach einem letzten Weihnachten in St. Jude eher einer Intervention gleicht, aus der alle resignierend in ihre Höhlen zurückziehen. Gerne wüsste ich, ob diese Familie nach dem Ende des Romans noch einmal zusammenkommt. Ich kann es mir nicht vorstellen.