Gutbürgerlich

Er ist Mitte 40 und ein Loser. Keine Frau, die mit ihm die abendlichen Stunden verbringen will, nur ein Freund und die Mutter, die bettlägerig auf seine Hilfe angewiesen ist. Dazu noch Schwester Petra, mit der er sich in den Stunden, in denen er nicht bei seiner Arbeit das größte Parkhaus Europa’s über Monitore bewacht, zanken darf. Das ist das Leben von Jürgen Dose aus dem Buch Jürgen von Heinz Strunck.

Ein Ritt durch die Normalität

Der Titel gibt dem Coverbetrachter wenig Idee dazu, was sich auf den mehr als 250 Seiten verstecken könnte. Lediglich wer schon einmal etwas von Strunck gelesen hat, kann es sich denken. Denn Jürgen taucht nicht nur in diesem Roman auf, sondern lässt sich auch in anderen Werken über sein Durchschnittsleben aus.

In dem Buch geht es um Normalität, um Durchschnitt und sehr viel um Unzufriedenheit und Nicht-Genugsein. Jürgen kämpft sich durch den Alltag, dessen Dreh- und Angelpunkt die Pflege seiner Mutter ist. Praktisch, dass er bei ihr wohnt. Unsexy, weil er keine Frau so richtig kennenlernen kann. Und das soll das größte Thema für Jürgen sein. Im Laufe der Geschichte erfährt der Leser immer mehr über sein eingerostetes Liebesleben und seine Versuche eine Partnerin kennenzulernen. Er berichtet z.B. vom Date mit Manuela, die eine nach der anderen qualmt und mit der es irgendwie nicht so richtig passt. Dazu gibt Jürgen immer wieder Tipps aus Ratgebern preis, die er selbst wälzt. Hier fehlt meiner Meinung nach allerdings der Witz, denn 99% der Tipps haben vermutlich nie funktioniert oder bedienen Stereotypen, die absolut nicht mehr zeitgemäß sind. Die verbleibenden 1% sind dann einfach nur eingestaubt, da nie benutzt. Ein Beispiel, das sich direkt im Klappentext findet: „Wenn die Frau später noch eingeladen werden soll, sind Vorkehrungen wie das Hochdrehen der Heizung bis zum Anschlag, damit man nicht fröstelt, wenn man nackt ist. Frauen frieren ja laut“, ergänzt Jürgen. „Zudem sind natürlich Uhren zu verdecken, damit die Zeit vergessen wird“. Und so weiter…

Das Ganze erzählt er aber nicht nur uns, sondern auch seinem besten und einzigen Freund Bernd, der ebenso keinen Erfolg bei Frauen hat, im Rollstuhl sitzt und sich als Insektensammler die einsame Zeit vertreibt. Ebenso absoluter Durchschnitt halt, aber laut Jürgen noch ein ärmerer Willi als er selbst.

Während man das Buch liest, passiert gefühlt nicht viel. Die Szenen verstreichen nach und nach und bis zur Reise nach Polen, wo beide mithilfe der Datingagentur Eurolove ihre bessere Hälfte zu finden hoffen, ist jede Seite eine Herausforderung. Dennoch, es gibt immer wieder kurze Abschnitte, die einen schmunzeln lassen. Teilweise weil sie absurd sind, teilweise weil sie einfach lustig geschrieben sind. Doch die Trübe der Augen, die sich beim lesen einschleicht, wird auch von den besagten Szenen nicht vertrieben. Daher ein perfekter Roman für eine lange Bahnfahrt ohne Internetempfang, mehr aber nicht.

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