Wie ein Buch zu etwas Besonderem wird

Was, wenn das eigene Glück Unglück für andere zu bedeuten scheint?

Um diese Frage darum geht es in Wolf Haas‚ Roman Verteidigung der Missionarsstellung. Naja, eigentlich nicht wirklich… Das Buch beginnt 1988 in London und endet gewissermaßen… gar nicht. So in sich selber verschlungen ist es. Neben der tollen Geschichte, die den Leser von London über China nach New Mexiko führt, gibt uns Haas noch viel mehr als die Geschichte mit auf unsere Lesereise. Übrigens, auf deinem Stop in China erfährst du auch, wieso das Buch diesen Titel trägt.

Ein Versuch den Inhalt zu beschreiben

Doch zurück zur Anfangsfrage. Besteht wirklich ein direkter Zusammenhang zwischen dem eigenen Glück und dem Unglück vieler anderer Menschen? Dies scheint Benjamin Lee Baumgartner für sich mit Ja zu beantworten. Denn egal wann er sich verliebt, kurz darauf bricht jedes Mal eine Seuche aus. Vom Rinderwahn über die Vogelgrippe bis hin zur Schweingrippe nimmt Baumgartner alles mit. Und er ist immer genau dort, wo die Seuche ihren Ursprung findet. Daraufhin beschließt er, sich nicht mehr zu verlieben. Doch wenn es so einfach wäre…

Neben diesem Problem von Baumgartner, der Haas Mitbewohner während dessen Studienzeit war, sucht er nach seinem indianischen Vater. Halb Simbacher, halb Indianar, sagt er meist über sich selbst.

Einerseits ist es schwer, den Inhalt gut zu beschreiben, andererseits möchte ich keine Überraschungen spoilern. Das Buch empfehlen kann ich an dieser Stelle aber schon. Es gehört tatsächlich zu den besten Büchern, die ich bisher gelesen habe.

Zusätzlich gibt es sprachlich und stilistisch sehr viel zu entdecken. Das Buch ist teilweise aus Haas‘ Perspektive geschrieben. Der dadurch Teil des Buches wird. Genau so wie Personen, denen er im Text begegnet, die das Buch, welches der Leser in der Hand hält, selber gelesen haben. Klingt kompliziert? Ist es auch!

Haas ist ein Wortkünstler, der in diesem Buch eine neue Dimension schafft, die mich beeindruckt hat. Neben der Geschichte, die eine sehr besondere Dynamik hat, erfindet er Worte, die passender nicht beschreiben könnten und arbeitet mit visuellen Elementen, die schmunzeln lassen. Es finden sich windende Buchstaben, kleiner werdende Worte oder sich wiederholende Absätze – nur um ein paar Elemente zu nennen.

Falls du dich gefragt hast, was die eckigen Klammern in meinem letzten Beitrag Das Hotel zwischen den Bergen sollen, will ich dich jetzt aufklären. Inspiriert wurden sie durch dieses Buch. Haas gibt in den eckigen Klammern Anweisungen wie in einem Drehbuch. [Hier Londonstimmung einbauen. Menschen, Pferde, Hintergrundgeräusche. 1988]

Das hat mich so fasziniert, dass ich es unbedingt einbauen musste. Die Klammern machen es sowohl dem Leser als auch dem Autor einfacher. Es ist eine Art Pakt, denn der Autor formuliert an einer Stelle nicht aus, schreibt aber, worum es geht und der Leser liest die Anweisung und hat alle Freiheiten sich die Dinge vorzustellen bzw. wird über Dinge informiert, die sonst nur spärlich im Text Platz gefunden hätten.

Ein ganz kurzer Theorieteil

Benjamin Lee Baumgartner ist ganz klar die Hauptfigur dieses Romans, der die Handlung durch seine innere Motivation vorantreibt. Somit handelt es sich um einen inneren Plot. Er ist auf der Suche nach seinem Vater und entwickelt sich vermeintlich durch sein wachsendes Wissen weiter. Irgendwas an dem Plot stört mich aber, da es nicht in mein konventionelles Denken hineinpasst. Er ist nicht gradlinig, sondern sehr verschlungen. Es bedarf viel Aufmerksamkeit, um den Inhalt komplett zu verstehen und alle Linien zu verbinden. Auch Haas als Autor und gleichzeitige Hauptfigur ist relevant, da die Erzählungen von ihm geschrieben und bewertet werden.

Spannend sind auch die kleinen Eindrücke, die du in die Arbeit des Autors bekommst. Denn öfter geht es in der Geschichte um ihn als Schriftsteller, was Infos mit sich bringt, die für jeden jungen Schreiberling interessant sein könnten.

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