Ein Blogbeitrag über Dan Browns neuen Roman The Secret of Secrets
Ehrlicherweise habe ich das Buch wegen seiner Aufmachung spontan gekauft. Der Umschlag macht einiges her. Der Preis ist mit 32 EUR happig, aber da Hardcover immer mehr zum Ausstellungsstück in der heimischen Wohnung werden, ist das für viele Menschen anscheinend kein Hindernis und auch für mich wog die Aufmachung mehr als der Preis. Schon auf der Umschlagseite wird klar, dass die literarische Reise nach Prag führt.
Das Buch lag einige Wochen bei mir herum, weil ich mich noch durch die Seiten eines anderen kaute. Doch die Vorfreude auf The Secret of Secrets war groß, obwohl ich gar nicht wusste, was ich von dem Buch erwarten soll. Ich habe vorher eine halbe Rezension gelesen, in der das Buch ziemlich zerrissen wurde, sie dann aber weggeklickt, weil ich mir meine eigene Meinung bilden wollte.
Die Geschichte startet fulminant. Wir werden in die Handlung geworfen, die ersten 50, nein 100, vielleicht sogar 200 Seiten, verfliegen. Sie sind fast reißerisch geschrieben. Ein Event folgt aufs nächste, eiskalter Überlebenskampf, wirre Traumdeutung, plötzliches Verschwinden von Personen – alles dabei! Die Figuren scheinen im Chaos zu ertrinken, doch einer hat wie in Browns vorherigen Romanen dieser Art noch nicht den Kopf verloren und kämpft für die Gerechtigkeit und die Ordnung: Robert Langdon. Nicht nur dafür, er kämpft in einigen Szenen sogar für seine Stellung als Mann. Zum Beispiel, wenn er seinen Begleiterinnen die Rätsel erklärt. Zu den Rätseln später mehr.
Der meist kühne Wissenschaftler versucht mit allen Mitteln Licht ins Dunkel zu bringen und den Ereignissen entgegen zu wirken. Genau wie in allen vorherigen Robert-Langdon-Romanen? Richtig.
Und da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich meine Erwartungshaltung scharfstellen sollte, denn mit einer poetischen Geschichte, stark an Resonanz, die bis auf die andere Seite der Welt hallt, konnte ich nicht rechnen. Ja, Brown greift Elemente aus der Weltgeschichte, Wissenschaft und verschiedenen Religionen auf, was ein wenig Tiefe erzeugt, aber übertreibt das für meinen Geschmack. Er will es zu doll. Zum Beispiel wenn er in hektischen Szenen eine Sehenswürdigkeit in aller Ruhe vorstellt.
Auch Symbolik und Rätsel spielen natürlich eine Rolle. Manchmal in Form einer mysteriösen Grafik, ein andermal als scheinbar zusammenhanglose Zeichenfolge. Einige dieser Rätsel werden mit kleinen Bildern greifbarer gemacht, was in mir die Frage aufwirft, ob der Autor es nicht schafft, so präzise zu beschreiben, dass der Leser sich die Elemente des Rätsels selbst vorstellen kann. Er nimmt einem das Denken ab, obwohl die fein geschliffenen Rätsel das gar nicht nötig hätten. So verhält es sich aber auch bei der Lösung. Dem Leser wird kaum Zeit gegeben, Hinweise zu sammeln, um das Rätsel selbst zu knacken. Meistens werden die Rätsel (von Langdon selbst, selten von einer anderen Figur) durch blitzschnelles Kombinieren sofort gelöst. Ich habe mich wie ein Escaperoom-Neuling im Team der Weltmeister gefühlt (Ja, es gibt wirklich Weltmeisterschaften im Escape Room 😁).
Im Verlauf der Geschichte eilt der Leser zusammen mit den Figuren des Romans durch Prag, was die Handlung vorantreibt. Manche der an meine Reisebeiträge erinnernden Ortsbeschreibungen wirken fehl am Platz, geben dem Text aber Luft zum Atmen. Das tut ihm vor allem in der ersten Hälfte gut.
Browns Handlung verläuft trotzdem fast durchgehend in einem hohen Tempo, genau richtig für einen Thriller. Aber diese Ortsbeschreibungen mischen sich mit seitenlangen wissenschaftlichen Erklärungen, die für die Story zwar relevant sind, es aber nicht in dieser Ausführlichkeit gebraucht hätte. Das schafft Längen. Dennoch ist das Hauptthema interessant. Es geht um die Grenzen des Bewusstseins. Wer beißt da nicht an?
Vom Gefühl her ist das Buch mit 800 Seiten trotzdem zu lang. Zum Ende hin wird es diffus. Einer der Handlungsstränge wird gelöst, weil die Protagonisten beim vorherigen Besuch einer Wohnung zu unaufmerksam waren, um eine versteckte Nische zu sehen, die die ganze Story auf den Kopf stellt, andere Szenen scheinen nicht relevant zu sein, sondern der Geschichte nur Flair zu geben, die sie gar nicht braucht. Dan Brown spinnt Prag an vielen Stellen so gekonnt in die Handlung ein, dass mein Besuch zwei Tage nach dem Fertiglesen (ja, das war mehr oder weniger Zufall) dem Buch nochmal eine andere Sichtweise gegeben hat. Vielleicht sogar eine Resonanz, die ich vorher in meiner Erwartungshaltung nie antizipieren hätte können?
Ich gebe es zu, dieser Beitrag klingt im Allgemeinen danach, als sollte Dan Brown sich bei einigen (nicht bei allen, nur bei einigen) der Bäume entschuldigen, die ihr Papier für die Seiten gelassen haben. Das stimmt aber nicht, denn ich verstehe, was Brown mit dem Spannungsbogen und den Plottwists richtig gut macht.
Übrigens ist man in Prag sehr stolz auf das Buch. Man findet es in mehreren Sprachen in den großen Buchhandlungen und in Schaufenstern anderer Läden, die eigentlich gar nichts mit Büchern zu tun haben. Zur Zeit wird dort also nicht nur Kafka gefeiert.
Daher mein Tipp: Mit einer klaren Erwartungshaltung an das Buch herangehen. Wenn diese aus Unterhaltung und dem Erkunden des literarischen Prag besteht, viel Spaß beim Lesen!