Aus Prag, mit der Bitte um eilige Zustellung

Jonas Faukman
Random House Tower
New York City

4. November 2025

Sehr geehrter Herr Faukman,

Mr. Langdon hat mir Ihren Namen und Ihre Adresse gegeben. Ich hoffe, er hat Ihnen schon von mir erzählen können. Er schien mit den Gedanken woanders zu sein, als ich ihn in der Bar im Four Seasons getroffen habe. Ich habe eine Story für Sie und kann nicht warten, bis ich in Manhattan bin, um Sie zum Lunch einzuladen.

Mein Handy habe ich entsorgen müssen, deshalb können wir nicht telefonieren. Ich habe das Gefühl, ich werde wegen der Sache verfolgt. Beim Telefonieren habe ich regelmäßig ein verdächtiges Knacken in der Leitung gehört. Vielleicht bin ich aber auch nur paranoid. 

Vor drei Tagen kam ich nach Prag. Als ich nach der langen Reise einen Drink an der Bar nehmen wollte, traf ich Mr. Langdon. Er erzählte mir von seinen letzten Tagen. Es ist einfach unglaublich, was passiert ist. Das sollte jemand aufschreiben! Ich glaube aber, dass meine Story noch besser ist. Also, direkt am nächsten Tag ging ich los, um mir die Stadt anzusehen. Ich besuchte den jüdischen Friedhof, stieg hoch zur Prager Burg und ins Kafka Museum. Davon könnte ich Stunden erzählen, es war wirklich ein magischer Tag. Bis dahin. Aber genug davon.

Nach einem wunderbaren Abendessen im Lokal Dlouhaaa schlenderte ich noch etwas durch die Stadt und kam an Kafkas Geburtshaus vorbei. Ein paar Menschen standen vor dem prunkvollen Eckhaus. Das Café unten drin hatte schon zu, alles war dunkel. Als ich genauer hinsah, erkannte ich einen Lichtkegel zwischen den Stuhlbeinen. Die anderen Passanten schauten, genau wie ich, gebannt auf dieses Licht. Es schien etwas zu suchen. Ich ging zum Eingang des Cafés und prüfte die Tür. Sie war offen.

Aus einem Reflex ging ich hinein. Völlig leichtsinnig, ich weiß. Es roch nach Kaffee. Das fahle Licht der Straßenlaternen erhellte einige Ecken, der Lichtkegel war verschwunden. Ich ging hinter die Bar, in die Küche. Alles war still, bis sich plötzlich ein Arm um meinen Hals schlang. Eine Gestalt drückte mir die Luft ab.

Als mir schwummrig wurde, klopfte ich wie ein aufgebender Boxer auf den Arm meines Peinigers. Dieser fragte mich mit tiefer Stimme, was ich dort machen würde, ohne den Griff zu lockern. Ich erklärte mein Motiv, wobei ich durch den starken Griff die ehrliche Antwort gab, und erfuhr, dass der Arm zu einem Polizisten gehörte, den man zum Café gerufen hatte. Jemand will eine vermummte Person im Café gesehen haben. Der Polizist fand niemanden. Gerade wollte er mit mir zurück auf die Straße gehen, als es im ersten Stock polterte. Der Polizist ließ von mir ab, schlich durch die kleine Küche in eine Nische, in der sich eine Treppe verbarg. Ich folgte ihm. Im ersten Stock schoben wir uns durch eine schmale Tür in eine Wohnung hinein, die als Möbellager zu dienen schien. Jedenfalls stapelten sich Sessel, Tische und Sofas. Aktenschränke standen an den Wänden. Ihre Schubladen waren aufgerissen worden, der Inhalt auf dem Boden verteilt. Der Polizist prüfte die Zimmer, fand den Eindringling aber nicht, und blieb entsetzt im Eingangsbereich stehen, wo er sich hilflos umsah. Hektisch atmend erklärte er mir, dass das das geheime Kafka-Archiv sei. Einige Textfragmente und Zeichnungen des Autors lagerten dort. Natürlich alles handgeschrieben. Es würde laut ihm Wochen dauern, um herauszufinden, ob etwas fehlte. Ich widersprach ihm sofort. Mir war klar, dass die Person etwas bestimmtes gesucht hat. Ich gab mir selbst die Erlaubnis den Tatort zu begehen. Auch in den anderen Zimmern standen Aktenschränke, Papier lag auf dem Boden. Auf einigen der Schränke standen Namen. Darunter der von Max Brod, Kafkas engem Freund.

Auf manchen der Zettel, die auf dem Boden lagen, war Kafkas krakelige Handschrift zu erkennen. Ich hatte sie tagsüber im Museum selbst noch auf einem Brief an seinen Chef, in dem er nach einer Gehaltserhöhung gefragt hat, gesehen.

Ich nahm den Polizisten in das Zimmer nebenan mit, wo drei Aktenschränke standen. Ich deutete auf den linken und wies auf eine der Schubladen. Sie war nicht aufgerissen, so wie die anderen. Ich erklärte ihm, dass dort das gelagert haben muss, was der Eindringling mitgenommen hat. Der Polizist schaute mich verwundert an. Wr schien sich verarscht vorzukommen. Jedenfalls öffneten wir die Schublade. Sie war leer. Er las von einer Karte an der Schublade vor, dass dort ein Manuskript von Kafka hätte drin sein müssen. Der Schmetterling. Unveröffentlicht.

Unveröffentlicht, dachte ich. Laut der Karte war die Erzählung kurz vor seinem Tod entstanden, als Kafka schon Tuberkulose hatte, und sollte zur Veröffentlichung vorbereitet werden. Ja, Herr Faukman, Sie haben richtig gelesen. Ein unveröffentlichtes Kafka-Manuskript!

Der Polizist fragte mich, woher ich wusste, dass es um die Schublade ging. Ich erklärte ihm, dass viele Menschen Schubladen, wenn sie etwas herausnehmen (wohlgemerkt, herausnehmen, nicht herausreißen) die Schublade danach ganz normal wie zuhause wieder schließen würden. Das war ein Reflex, menschliche Gewohnheit, mehr nicht. Glauben Sie mir, in der Situation habe ich mich geärgert, dass ich nicht zu den drei ??? gehöre, denn sonst wäre das die perfekte Gelegenheit gewesen, um ihm die Visitenkarte unter die Nase zu halten. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich ja eigentlich nur ein schnöder Tourist war, also tat ich unbeteiligt, als er weiterfragte. Er erklärte mir, dass die Täter in den Filmen immer zum Tatort zurückkehren würden. Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber mein Gehirn war auf Hochtouren. Ich schlug ihm vor, die öffentlichen Kameras zu checken, um mein Alibi zu prüfen. Zuerst die am jüdischen Friedhof, dann die an der Burg, die beim Kafka Museum und dann die rund ums Lokal Dlouhaaa. Das wird er machen, sagte er, sprach dann aber nicht weiter über seinen Verdacht. Er ließ die Spurensicherung kommen. Mehr weiß ich leider nicht. Ich habe die tschechischen Zeitungen und das Internet durchforstet, aber mehr als ich ohnehin schon wusste, stand dort nicht. Der Diebstahl des Manuskripts ließ mich die letzten Tage nicht mehr los. Ich streifte über die Karlsbrücke, dachte an die Stachelkrone der Freiheitsstatue, von der mir Langdon an der Bar irgendwas erzählt hatte, das ich nicht mehr zusammen bekomme, hatte wilde Assoziationen, beobachtete die biberähnlichen Nutrias auf der Ostrov-Insel und las David Mitchells Wolkenatlas in Cafes. Irgendwie fühlte ich mich Kafka ganz nah, fühlte mich durch ihn inspiriert und tippte immer wieder Notizen in mein Handy. Der Schmetterling. Was steht wohl in dem Manuskript? An dem darauffolgenden Abend landete ich in der gemütlichen Hemingway Bar, besuchte leider bisher nicht die Weinbar Alma, obwohl sie ebenso einladend aussah, und versank in einer der Studentenbars in der Straße Na Struze, in der es so wenig Luft gab, dass ich mich wieder in den Schwitzkasten des Polizisten zurückversetzt fühlte.

Prag ist wundervoll, auch wenn ich immer jemanden im nächsten Schatten vermute, der mir die Existenz des Manuskripts aus dem Kopf treiben will. Ich bin ein bisschen paranoid geworden. Naja, gestern nach der Heminway Bar vielleicht, als ich mein Handy weggeworfen habe. Aber danach wurde es besser. Egal. Sie sollten unbedingt mal im Herbst nach Prag fahren. Die goldenen Elemente auf den Dächern strahlen in der Sonne und die Bäume in orange-gelb. Tut der Seele gut. Vor allem, wenn in der eigenen Stadt schon der Winter ausbricht.

Meine Notizen führen den Fall über Der Schmetterling weiter. Bald wird daraus ein Manuskript, vielleicht ein Krimi. Ich möchte, dass Sie mein Verleger werden. Schicken Sie gerne einen Brief an meine Privatadresse, die ich unten vermerkt habe. Ich melde mich dann, wenn ich zurück bin.

Mit besten Grüßen aus Tschechien!

Sydneys Five Sands

Genau an dem Tag, an dem ich diesen Beitrag ursprünglich veröffentlichen wollte, gab es einen Anschlag mit mehreren Toten am Bondi Beach, der der jüdischen Gemeinschaft gegolten haben soll. Das war am 14.12.2025. Meine Gedanken sind bei den Opfern und deren Familien. Es ist zwar schon etwas her, dass ich in Sydney war und einen…

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