Santa Teresa bei Nacht

Ein Blogbeitrag über Roberto Bolaños Roman 2666

Wäre man eine Frau, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, diese Nacht nicht zu überleben. In der fiktiven Stadt im Norden Mexikos, direkt an der Grenze zu den USA, werden über Jahre hinweg Frauen auf schlimmste Art und Weise ermordet. Ein Zeichen der Macht der Männer oder zumindest jener, die sie gerne hätten.

In diesem Werk, das posthum veröffentlicht wurde, geht es um die Geschehnisse in Santa Teresa in Verbindung mit dem deutschen Nobelpreisanwärter Benno von Archimboldi, den nie je ein Journalist, Leser oder ein Kritiker je zu Gesicht bekommen hat.

Der Roman ist in fünf Teile gegliedert. Im ersten geht es um besagte Kritiker, die sich auf Konferenzen näher kennenlernen und eine Freundesgruppe bilden. Sie haben eines gemeinsam: Ihr wissenschaftlicher Werdegang führt sie zu dem Werk von Archimboldi. Sie reisen nach Mexiko, zum letzten bekannten Aufenthaltsort des Schriftstellers und suchen und suchen und suchen nach ihm.

In einem weiteren Teil lernen wie einen Professor aus Santa Teresa kennen, der langsam dem Wahnsinn verfällt. All seine Handlungen, alles, was passiert, ist lethargisch und grundlos. Es gibt erste Verzweigungen zu späteren Ereignissen.

Anschließend folgen wir einem amerikanischen Journalisten, der in die Region von Santa Teresa reist, um über einen Amateurboxkampf zu berichten. Es folgen lange Episode, die so düster und still wirken, dass man am liebsten den Fernseher nebenbei laufen lassen würde.

Das grausame Herzstück des Romans, eine Passage von über 400 Seiten, in der unentwegt Morde beschrieben werden, steigert die Spannung und lässt hoffen, dass es eine Erklärung für all das gibt.

Kommissare ermitteln, die Stadt ist in Aufruhr und Frauen gehen nicht mehr auf die Straße. Ein schreckliches Bild, aber irgendwo ein Spiegel der Gesellschaft. Der Text lässt sich in viele Richtungen deuten, aber klar ist der Machtmissbrauch des Mannes. Gleichzeitig wird der Leser auf eine Probe gestellt. Hält er diese Dunkelheit aus oder bricht er ab, überspringt er Seiten und sieht weg?

Ich konnte nicht weggesehen und jeden der über 100 Morde ausgehalten. Ich hätte am liebsten etwas gesagt – aber zu wem? Die Polizei ermittelt, finde aber keine Ansatzpunke. Das Buch hallt nach, vor allem, weil dieser Teil in Verbindung mit dem letzten, dem Teil von Archimboldi, zeigt, dass vieles nicht so ist, wie es zu sein scheint.

Im ersten Teil ermitteln die Kritiker, dass Archimboldi sich in Italien aufgehalten hat. Sie sprechen von einer Schreibreise a la Goethe, heroisieren den brillanten Schriftsteller, doch im Teil von Archimboldi erfahren wir die Beweggründe für die Reise und bekommen plötzlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge.

Am besten hat mir eine Passage gefallen, in der Archimboldi an der Front nicht gebraucht wird und man ihm perfiderweise das Haus einer geflohenen Familie zuweist, in dem er bis zum nächsten Einsatz leben kann.

Es ist kalt, es gibt kaum Essen und Archimboldi starrt den ganzen Tag in die Leere. Er ringt mit sich, will eigentlich gar nicht in dem Haus sein, findet durch Zufall das Tagebuch von Ansky und taucht in die Berichte ein. Sie ziehen uns in eine Binnenerzählung über Krieg und Verlust. Auch hier wieder Kälte, Dunkelheit, Bedrückung.

Der Grund, weshalb ich jetzt, fast ein Jahr später, noch einen Beitrag darüber schreibe, ist ganz einfach: Das Buch beschäftigt mich, wie es kaum ein anderes je getan hat. Ich habe mir während des Lesens immer wieder Fragen aufgeschrieben, habe gerätselt, ob die Kritiker Archimboldi vor einem Hotel gesehen, ihn aber nicht erkannt haben. Ich habe Verbindungen zwischen Personen und Szenen gesehen, die so beiläufig erwähnt wurden, dass sie beim Lesen fast entwischen.

Mit über 1000 Seiten ist es eine Herausforderung; aber wer durchhält, wird belohnt. 2666 ist ein großer Roman, der nicht frei von Kritik ist. Da die Veröffentlichung nach Bolaños tot erfolgt ist, behaupten Kritiker, dass der Roman wäre noch nicht fertig gewesen wäre und noch gekürzt werden müssen.

Das mag sein. Aber er liegt uns halt so vor, wie er uns vorliegt. Manchmal können wir den Laufe der Dinge eben nicht verändern und eine stärkere Macht entscheidet über die Existenz der Dinge. Nicht selten ist das der Tod.

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