Ein Spaziergang durch Bukarest

Nach langer Zeit war es mal wieder soweit. Ich bin in den Flieger gestiegen und in eine neue Stadt gereist, die ich vorher nie als Reiseziel auch nur auf dem Schirm hatte.

Als wir auf dem dreistündigen Flug saßen, musste ich daran denken, wie wir auf Bukarest gekommen waren. Es war ungefähr drei Monate vor der Reise. Ein Freund und ich saßen zusammen und beschlossen wegzufahren. Die Idee: Jeder wirft Städte in den Lostopf, die wir beide noch nicht gesehen haben. Dann wurde gezogen. Als wir Bukarest lasen, sahen wir uns fragend an. Keiner von uns hatte sich je näher mit der Stadt beschäftigt. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommen würde. Das war spannend und wir beschlossen (weshalb auch immer), uns erst kurz vor der Reise mit unserem Ziel zu beschäftigen, was so viel heißen sollte, dass wir am Gate saßen und ein bisschen über Sehenswertes lasen.

Freitagabend: Ankunft

Der Flug war ruhig. Dennoch war ich froh, als wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Je länger ich nicht fliege, desto höher ist die Überwindung es wieder zu tun, und das letzte Mal war im November letzten Jahres. 

Mit dem Uber fuhren wir für umgerechnet 10 EUR in die Innenstadt (in Rumänien wird mit RON/Lei bezahlt – die Währung hat zwei Namen und die Rumänen sagen mal das eine, mal das andere, es gibt keinen Unterschied). Der Fahrer bretterte die breiten Straßen entlang, wir rasten an heruntergekommenen Häusern, leerstehenden Geschäften und einer Replik des Arc de Triumph aus Paris vorbei (Bukarest wird auch Paris des Ostens genannt). 40 Minuten später standen wir vor unserer Unterkunft, einem kleinen Apartment direkt an der Kongresshalle Pala Salatului in der Innenstadt. 

Die Wohnstandards in Rumänien sind anders, als in Deutschland. Das fiel mir besonders an der Sorgfalt der Bauarbeiten in der Wohnung und an den Gebäuden auf. Alles war ok gemacht, aber nicht mit dem letzten Sinn für Perfektionismus.

Es war ungefähr 22 Uhr. Wir hatten Hunger und schlenderten auf der Suche nach einem typisch rumänischen Restaurant durch die Straßen und kamen an einem riesigen Louis Vuitton Store vorbei, der an ein Luxushotel angeschlossen war, vor dem in der lauen Sommerwärme noch einige Menschen saßen. Sie waren auffällig gut gekleidet. Passend dazu parkten am Straßenrand ein Rolls Royce und ein schwarzer Lamborghini. Wir gingen weiter. Hinter der Häuserecke endete der Bürgersteig abrupt, ebenso die Straßenbeleuchtung. In Deutschland wäre das bestimmt ein Ort gewesen, den viele Menschen gemieden hätten. Nicht so in Rumänien. Zwei miteinander herumalbernde Frauen in Kleidern kamen uns entgegen und ein junger Mann überholte uns, während er auf sein Handy starrte. Er verschwand in der Dunkelheit.

Wir aßen im Casa Românească. Es war perfekt für den Abend, gemütlich und gutes Essen. Besonders die Mititei (Mici), kleine Cevapcici, taten es mir an. Aber auch die Lammwürstchen waren sehr lecker. Für Vegetarier bietet die rumänische Küche auch einige Optionen, obwohl sie sehr fleischlastig ist. Während wir aßen, sang ein Mann ‚Happy Birthday‘ auf rumänisch für eine kleine Gruppe und spielte dabei Keyboard.

Das war das erste Mal, dass ich mich fragte, wieso Rumänien so viele verschiedene Einflüsse hat. Das Französische war klar in der Architektur, den Fassaden und den breiten Boulevards zu erkennen. Die türkische/vorderasiatische Küche hatte ganz klar Einfluss auf die Rumänische (nach dem Abendessen landeten wir in einem Baklavaladen). Außerdem erinnerten viele Speisen an balkanische Gerichte, allem voran die an Cevapcici erinnernden Mititei. Eine kleine Recherche zu diesen Zusammenhängen lohnt sich!

Samstag: Sightseeing Plus

Die kurze, wenn auch anstrengende Reise und die späten Schritte ließen uns erstaunlich lange schlafen. Als wir gegen 10 Uhr frühstücksbereit waren und bei dem Café, das wir herausgesucht hatten, ankamen, machte es gerade erst auf. Das passte zu den noch fast leeren Straßen. Die Leute schienen lange zu schlafen. Möglicherweise war das Festival auf der Calea Victorei, das wir abends noch besuchen würden, daran schuld, ich glaube aber, dass Rumänien ähnlich wie Italien einfach ein Land ist, das eher abends und nachts als morgens lebt – wieder ein kultureller Einfluss?

Um 11 Uhr hatten wir gefrühstückt und machten uns auf, um den einen vollen Tag, den wir hatten, möglichst gut zu nutzen. Wir beschlossen ein paar Sehenswürdigkeiten abzulaufen und auf den Wegen zwischen den Gebäuden die Straßen zu nehmen, die uns neugierig machten, um ein bisschen Atmosphäre zu spüren. Wir schlenderten die Calea Victorei hinunter, bis wir an einer kleinen Kirche vorbeikamen. Davor war schon einiges los. Zwei Handpuppenspieler ließen Figuren Instrumente spielen, im Hintergrund lief Popmusik. Daneben sammelten sich Menschen um einen Straßenkünstler, der gerade mit einer kleinen Glaskugel hantierte. Langsam wachte Bukarest auf, obwohl die Sonne schon weit oben am strahlend blauen Himmel stand. Mittlerweile waren wir fast am Tagestemperatur-Peak angekommen. Die 27 Grad vermischt mit dem Abgas der Autos waren drückend und schnürten einem auf den großen Kreuzungen schon mal den Atem ab.

Über einige kleine Straßen und einen mehrere hundert Meter langen Boulevard kamen wir zum Parlamentspalast, dem ich hier gar nicht viele Wörter widmen möchte. Sich den Wikipediabeitrag durchzulesen lohnt sich, die Fakten über den Bau sind erstaunlich.

Wir gingen weiter zum Izvor Park, dessen Gras ausgetrocknet und die Plätze heruntergekommen waren. Ein Reinfall. Einzig das Foodfestival war zum Staunen. Viel Fleisch, viel Gebäck, alles schön angerichtet und dekoriert. Wir bekamen Hunger. Und Durst. Also gingen wir zurück in die Altstadt, die leider nicht wirklich sehenswert war. Ein touristisches Restaurant stand neben dem nächsten und an jedem Eingang versuchte jemand Touristen mit merkwürdigen Angeboten hineinzulocken. Die Lokalbesitzer versuchten die Vorlieben der größten Touristengruppen zu kopieren, eröffneten Irish Pubs und Oktoberfestbars, anstatt die rumänische Kultur zu repräsentieren. Daher holten wir uns nur ein Wasser in einem Kiosk und gingen im Caru‘ cu bere, das wir aus mehreren Quellen empfohlen bekommen hatten, Mittag essen. Das Essen war einfach, dennoch lecker. Der Laden ist sehr touristisch und abends kommt man ohne Reservierung nicht rein. Mittags ging es mit 10 Minuten warten. Daher eine gute Option zum Mittagessen, mehr aber nicht.

Wir liefen noch ein bisschen weiter, entdeckten die sehr schöne, aber leider überlaufene und unsortierte Buchhandlung Cărturești.

Kurz darauf landeten wir in einem Wohnviertel, was spannend war. Die Gebäude schienen keine richtige Fassade zu haben. Grau mischte sich mit Grau und alles wirkte düster. Nur ein cremefarbener Käfer zwischen den sonst schwarzen und grauen Autos brachte etwas Farbe in die Szenerie (linkes Bild in der nächsten Galerie). Den Sonnenuntergang beobachten wir durch zwei Hochhäuser, die an einer riesigen Kreuzung standen, bevor wir in eine französisch anmutende Galerie spazierten, wo Shisha geraucht, toxisch aussehende blaue Cocktails getrunken und Fußball geguckt wurde. Premier League, Chelsea spielte bei Manchester United. 

Die Sonne war komplett untergegangen, als uns die Galerie auf der anderen Seite wieder ausspuckte. Die Lichter der Straßenlaternen der Calea Victorei vertraten sie. Menschenmassen strömten in beide Richtungen den riesigen Boulevard entlang. Viele hatten sich zurecht gemacht. Wir fragten uns, was vor sich ging, und fanden anhand der Banner an den Laternen heraus, dass das Enescu Festival (George Enescu war ein rumänischer Komponist) gerade stattfand. Anders als in Deutschland gab es auf der Straße aber keine Wagen mit Getränken und Essen. Überall waren einfach nur Leute, die gingen. Ich fragte mich, was ihr Ziel war, wir gingen sogar ein ganzes Stück mit, weil es schön warm war und wir ohnehin nichts mehr vor hatten, aber sie gingen einfach nur ohne ein Ziel zu haben. Es war absurd. Irgendwo hinter der Sala Palatului war ein eingezäunter Bereich, in dem ein Konzert stattfand. Ich glaube, dass dort auch Getränke verkauft wurden. Aber nicht auf der Straße. Dort ging man einfach nur.

An einem kleinen Straßenkiosk in der Strada Ion Campineanu holten wir uns noch etwas zu trinken und legten uns anschließend hin.

Sonntag: Leftovers

Plötzlich war Sonntag, der Tag der Abreise. Leider bringt das meistens mit sich, dass man sein Gepäck entweder den Tag über schleppen oder es irgendwo ablegen muss. Da wir keine Möglichkeit sahen, sie irgendwo zu deponieren nahmen wir unsere Rucksäcke mit. Es sollten wieder 27 Grad werden.

Zuerst gingen wir sehr unspektakulär, durch unsere Faulheit an diesem Morgen begünstigt, in irgendeinem mittelmäßigen Café frühstücken.

Im Anschluss gingen wir wieder über die Calea Victorei. Die Menschenmassen vom Vorabend waren restlos verschwunden. Nur ein paar Frauen sammelten den verbliebenden Müll von den sonst sehr sauberen Bürgersteigen. Es herrschte Katerstimmung in der Stadt.

Wir kamen an den Parcel Cișmigiu, der im Vergleich zum Izvor Park lebendiger war. Die Pflanzen leuchteten fast, so satt war das Grün ihrer Blätter. Es war das einzige Mal in Bukarest, dass ich keinen Abgasgeruch in der Nase hatte. Unter einer Pergola saßen Leute auf Bänken und unterhielten sich, auf der Wiese machten andere ein Picknick. Zwei Beamte beäugten das Geschehen und schienen eigentlich auch gerne auf einer der Bänke sitzen zu wollen, um den Enten am Ufer dabei zuzugucken, wie sie sich um ein Stück Brot streiten, bevor sie zurück in den kleinen See in der Mitte der Parks verschwanden, wo sie den vielen Tretbooten ausweichen müssten, die man dort leihen konnte. Wir gingen einmal durch den Park Richtung Norden, um rundeten den See und liefen wieder zurück zum Ausgangspunkt. 

Noch deutlicher als in Deutschland merkte ich während des Spaziergangs, wie gut es tat, im Grünen zu sein. Es stehen nur wenig Bäume in den Straßen der Stadt und die vielen grauen Fassaden wirken schnell beklemmend, obwohl die Straßen meistens sehr breit sind.

Wir wollten noch ein kleines Souvenir besorgen. Also machten wir uns auf die Suche. Die typischen Souvenirshops füllen die Innenstadt, dort wäre es ein Leichtes gewesen, etwas zu kaufen. Aber wir suchten nach etwas Besonderem. Problem: Je länger wir suchten, desto mehr Hunger bekamen wir. Ich hatte am Vortag Filialen der Kette Luca gesehen, die Backwaren verkauften. Vor allem Sausage Rolls, gefüllt mit verschiedenen Dingen. Ein günstiger Snack, perfekt für die Situation. Eine absolute Empfehlung!

Unsere Souvenirsuche lief leider nicht so erfolgreich, wie wir gehofft hatten. Es war schwer etwas zu finden, das nicht touristische Billigware ist, da man kaum aus der Innenstadt rauskommt. Die Straßen sind teilweise so groß, dass wir es vermieden haben, über die Kreuzungen zu gehen, weil absehbar war, dass man in den nächsten 10 Gehminuten nichts Sehenswertes sehen wird und die Sonne den Asphalt aufheizte, was das Gehen dort sehr unangenehm machte,.

Dann war es auch schon wieder Zeit zum Flughafen zurückzukehren, dorthin, wo wir die Reise vor nicht einmal 48 Stunden begonnen hatten. Manchmal hat man nicht viel Zeit, um sich eine neue Stadt anzugucken, aber für Bukarest hat es gereicht, um einen guten Überblick über die Innenstadt zu bekommen.

Sollte ich noch einmal nach Rumänien reisen, würde ich gerne die Landschaft, z.B. die Walachei (ja, die gibt es wirklich, das ist nicht nur ein Sprichwort) und die Karpaten, sowie das Leben auf dem Land, das in Rumänien als „das echte Rumänien“ verkauft wird, kennenlernen.

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